Seit über einem Monat treibt die US-Umweltbehörde EPA Europas größten Autobauer im Abgas-Skandal vor sich her. Das Krisenmanagement des VW-Konzerns wirkt unglücklich. Doch die Regulierer fahren auch eine knallharte Linie - haben sie VW besonders auf dem Kieker?

Die Beziehungen zwischen Wolfsburg und Washington sind am Tiefpunkt angekommen. Mit neuen Anschuldigungen im Abgas-Skandal hat die US-Umweltbehörde EPA den ohnehin schon massiven Druck auf den Volkswagen-Konzern weiter erhöht. Nach der Eskalation versucht man bei VW den Eindruck eines Missverständnisses zu erwecken, das im Dialog beseitigt werden könnte. Doch die Fronten sind verhärtet. Das dürfte eine Lösung deutlich erschweren.

Wer sich bei VW umhört, stößt auf Zerknirschtheit. Dass die EPA am Montag mit neuen Vorwürfen an die Öffentlichkeit ging, sei eine Überraschung gewesen, heißt es aus Konzernkreisen. Eigentlich hatte man geglaubt, das Problem vorher klären zu können. Die EPA beschuldigt VW, eine weitere Software, mit der Emissionstests manipuliert werden könnten, nicht vorschriftsgemäß gemeldet zu haben.

Doch anders als am 18. September, als die EPA die Abgas-Affäre ins Rollen brachte, kamen diesmal keine reumütigen Reaktionen aus Wolfsburg. Stattdessen wurden die Vorwürfe rasch zurückgewiesen. Die Software, um die es nun gehe, sei absolut legitim und diene nicht der Schummelei. Es folgte zwar die Zusage, mit der EPA zu kooperieren. Einen Machtkampf will man sowieso nicht riskieren - aus Wolfsburg heißt es, das Letzte was VW brauche, seien Konflikte mit der Behörde.

Aber hinter den Kulissen steigt offenbar das Unverständnis und der Frust. So ließ sich ein VW-Sprecher im "Wall Street Journal" mit den Worten zitieren: "Was hier zur Debatte steht, ist klar: Wollen die USA Wettbewerb im amerikanischen Markt oder nicht?" Das ist Wasser auf die Mühlen der Kommentarspalten im Internet. Die Wahrnehmung, es handele sich beim rigorosen Durchgreifen der US-Behörden gegen VW um eine Angelegenheit nationaler Wirtschaftsinteressen, um die heimische Autoindustrie zu schützen, ist durchaus verbreitet.

Unverständnis ruft vor allem der Eindruck hervor, dass andere Autobauer von US-Regulierern sanfter angepackt würden. So zahlte beispielsweise der US-Branchenführer General Motors trotz heftiger Vertuschungs- und Schlampereivorwürfe bei einer Pannenserie, die mindestens 124 Menschen das Leben kostete, eine vergleichbar geringe Summe von 900 Millionen Dollar. Bei VW hingegen steht eine Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar im Raum, auch wenn es sich dabei um ein rein theoretisches Höchstmaß handelt.

Hat die EPA ihren Kurs gegenüber VW verschärft? Mit der Genehmigung der nun strittigen Software "Auxiliary Emissions Control Device" (AECD), die keinesfalls neu sei, habe es in der Vergangenheit nie Probleme gegeben, heißt es aus Unternehmenskreisen. VW-US-Chef Michael Horn hatte erstmals bei einer Anhörung im US-Kongress am 8. Oktober erwähnt, dass man den Antrag auf Zulassung bestimmter Dieselautos des Modelljahres 2016 bei der EPA vorerst zurückgezogen habe, weil die Behörde erst die AECD-Software prüfen müsse.

Das klang zunächst harmlos, solche Programme sind gängig und eigentlich nicht grundsätzlich verboten. Dann muss aber etwas gehörig schiefgelaufen sein. Statt sich zügig um eine Lösung zu kümmern, wurde das Problem anscheinend verschleppt und der Geduldsfaden der EPA überstrapaziert. Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" (Mittwoch) kam es zu einem schweren Versäumnis. Schon seit Wochen sei absehbar gewesen, dass bei der AECD-Software Nachholbedarf bestehe. Nun hoffe man bei VW, das Problem bei einem Gespräch mit der EPA am Donnerstag auszuräumen. Doch das dürfte nicht einfach werden.

Zwar hält sich die EPA bedeckt mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen, in die auch die US-Justiz eingeschaltet ist. Doch es ist kein Geheimnis, dass der Unmut über die bisherige Kommunikation groß ist. Gegenüber "Spiegel Online" erklärte sich ein Ingenieur des Konzerns den neuen EPA-Verdacht derweil mit der komplexen Motorsteuerung, die möglicherweise zu einem Missverständnis führte: "Klar, dass das in der jetzigen Situation erstmal negativ ausgelegt wird. Wer einmal lügt, dem glaubt man schließlich nicht".

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