In vielen Städten Deutschlands sind an manchen Tagen besonders viele Radfahrer vereint zu sehen. Eine der größten sogenannten Critical Mass-Veranstaltungen des Landes findet am Freitag, 27. Juni, in Hamburg statt. Was steckt hinter Critical Mass? Welche Ziele verfolgen die Radfahrer? Und kann ich da auch mitmachen? Wir liefern die Antworten.

Ganz einfach gesagt ist Critical Mass eine große Radtour. Doch ganz so einfach ist es nicht. Weltweit gibt es Critical Mass-Events, bei denen sich zum Teil mehrere Tausend Radfahrer gemeinsam auf eine Strecke begeben. Auch in Deutschland gibt es das Phänomen in vielen Städten. Zufällig entstehen die Fahrten aber nicht. Sie sind gut organisiert, wenn auch nicht hierarchisch. Meist am letzten Freitag eines Monats starten die Radtouren.

Seit wann gibt es die Critical Mass?

Ihre Ursprünge hat Critical Mass (kritische Masse) in den USA. Die erste so bezeichnete Aktion fand im September 1992 in San Francisco statt. Seitdem hat sich das Phänomen über die ganze Welt verbreitet. Als größte Critical Mass gilt ein Treffen von Radfahrern im April 2008 in Budapest. Damals sollen etwa 80.000 Menschen zu einer solchen Veranstaltung zusammengekommen sein. An den Aktionen in Hamburg nehmen regelmäßig mehrere Tausend Radfahrer teil.

Was will die Critical Mass?

Während einer Critical Mass sind keine Transparente mit Forderungen zu sehen oder Parolen zu hören. Dennoch kommt es vor, dass eine Critical Mass zu bestimmten Anlässen oder Aktionstagen stattfindet. So zum Beispiel zu den Olympischen Spielen in London 2012. Grundsätzlich geht es den Teilnehmern darum, Radfahrer als gleichberechtigte Verkehrsteilnehmer darzustellen. "Wir behindern nicht den Verkehr, wir sind der Verkehr!", heißt es auf einer deutschen Internetseite zu dem Thema. Grob gesagt: Der rollende Protest richtet sich gegen die vermeintliche Bevorzugung von Autofahrern im Straßenverkehr.

Wer steckt dahinter?

Für die Polizei gilt eine Critical Mass nicht als Demonstration. Deshalb gilt für die Radtouren auch keine Anmeldepflicht. Die Organisation einer Critical Mass läuft über Mundpropaganda, Flugblätter und in den vergangenen Jahren verstärkt über das Internet und soziale Netzwerke. Via Facebook wird zum Beispiel kurz vor dem Start der Treffpunkt bekannt gegeben. Einen einzelnen Organisator gibt es nicht - und damit auch keinen Verantwortlichen. Jeder kann mitmachen.

Ist das überhaupt erlaubt?

Eine größere Critical Mass wird in Deutschland in der Regel von der Polizei begleitet. 5.000 Radfahrer in einem Pulk können das Verkehrsgeschehen eines ganzen Bezirkes schon mal lahmlegen. Laut Straßenverkehrsordnung gelten mehr als 15 Radfahrer als geschlossener Verband. Und so sieht sich auch eine Critical Mass, die sich dementsprechend fortbewegt. Das heißt zum Beispiel, dass die hinteren Radfahrer auch dann noch über eine Kreuzung fahren, wenn die Ampel längst auf Rot geschaltet hat. Auch die Radwegebenutzungspflicht ist für geschlossene Verbände außer Kraft gesetzt, sodass sich ein Radfahrerpulk in der Regel auf der Straße fortbewegt.

Was sagt der ADAC dazu?

"Das A und O im Verkehr ist die gegenseitige Rücksichtnahme", sagte Christian Schäfer vom ADAC Hansa gegenüber dem NDR einmal zur Critical Mass in Hamburg. Der Automobilclub sehe kein Problem darin, wenn Verkehrsteilnehmer ihr Interesse an einer Sache zeigten und in einem Verband führen. Und weiter: "Der ADAC sieht die Aktion in keinster Weise problematisch - wenn die Sicherheit gewährleistet ist."

Was sagt die Politik dazu?

Die verkehrsfachpolitische Sprecherin der Hamburger SPD-Fraktion, Martina Koeppen, äußerte sich gegenüber dem NDR in Bezug auf die Critical Mass so: "Bisher sind die Radfahrer bei allen Aktionen sehr verantwortungsvoll gewesen", weshalb sie den Radlern weiterhin viel Spaß wünsche. Der Hamburger FDP-Verkehrspolitiker Wieland Schinnenburg erklärte dem Sender hingegen anlässlich einer Critical Mass kurz nach einem tödlichen Unfall zwischen einem Rad- und einem Autofahrer: "Einen tragischen Unfall jetzt als Anlass für eventuell gefährliche Massenrundfahrten zu nehmen und so das angespannte Verhältnis Radfahrer-Autofahrer weiter zu belasten - das halte ich nicht für hilfreich."

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